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Antje Kerber – Frau über 140 Pferde und mehr

Ausgabe 15

Sie bezeichnet sich selbst als ein „typisches Pferdemädchen“. Seit Antje Kerber 10 Jahre alt ist, besitzt sie ein eigenes Pferd, um das sie sich ausgiebig kümmert, das sie hegt und pflegt – und auf dem sie Reitstunden erhält. Selbst als Jugendliche, jener Phase, in der viele Kindheitshobbies mehr oder weniger verloren gehen, behält die Liebe zu Pferden eine sehr hohe Bedeutung in ihrem Leben. Nach der Schulzeit zieht sie fort von zuhause – studiert und heuert in großen Zucht- und Ausbildungsbetrieben an. Eines Tages unternimmt sie privat einen Ausflug zum Landgestüt Redefin in Mecklenburg-Vorpommern. Antje Kerber ist begeistert von dem, was sie dort zu sehen bekommt. Fortan geht ihr das Landgestüt nicht mehr aus dem Kopf. Initiativ schickt sie 17 Jahre später ihre Bewerbungsunterlagen nach Schwerin ins zuständige Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt. Ein Jahr später ist es schließlich soweit – Antje Kerber erhält einen Anruf von Landwirtschaftsminister Till Backhaus und wird Geschäftsführerin des landeseigenen Betriebes. Sitz des Unternehmens: Redefin im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Das Landgestüt Redefin gehört zu den absoluten Aushängeschildern in Südwestmecklenburg. Wer über die Bundesstraße B5 den Ort passiert, der sollte unbedingt den Blinker setzen und sich das Landgestüt Redefin ausgiebig anschauen. Seit über 206 Jahren wird hier Pferdezucht auf höchstem Niveau betrieben. Doch nicht nur der Pferdefreund kommt auf seine Kosten – Redefin ist auch baulich und landschaftlich ein echter und sehr bedeutsamer Hingucker. Zwischen 1812 und 1825 entstand auf einem ehemaligen Gestüt aus dem 18. Jhd. zwischen Ludwigslust, Hagenow und Lübtheen auf Geheiß von Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin der Ausbau zum offiziellen Landgestüt. Landgestüte haben traditionell eine sehr große Bedeutung für die Pferdezucht, da dort die Haltung von ausgewählten Deckhengsten unterschiedlichster Arten und Rassen – den sogenannten „Landbeschälern“ – erfolgt. Redefin ist eines der Landgestüte Deutschlands mit der größten Tradition, ein Umstand, den man vor Ort auf Schritt und Tritt spüren kann. Auch wenn heute selbstverständlich längst die Moderne Einzug gehalten hat. Tradition und Moderne – beides sind ständige, jedoch nicht miteinander konkurrierende Begleiter in Redefin.

Apropos „Begleiter“: Wer das besondere Glück hat und in Begleitung der „Chefin“ das Landgestüt in Augenschein nehmen darf, der erfährt natürlich aus erster Hand sehr viele Details, die sich einem sonst möglicherweise eher nicht erschließen. Antje Kerber, seit 2009 Geschäftsführerin in Redefin, wuchs südlich der Elbe auf, lebt aber seit mittlerweile 9 Jahren auf dem Landgestüt. Und mehr noch lebt sie das „Prinzip Redefin“ - mit dem Anspruch, innovativer, kompetenter Ansprechpartner für Pferdezüchter und -halter zu sein und dabei gleichzeitig die große Tradition vergangener Jahrhunderte aufrecht zu erhalten.

Der Tradition begegnet man unmittelbar sofort: Gleich, wenn man das Gestütsgelände betritt, gewinnt man anhand der ersten beiden Gebäude zur Linken und zur Rechten, die noch aus jener sehr frühen Zeit stammen, einen ersten Eindruck davon, wie es damals in Redefin ausgesehen haben muss. Die beiden Häuser, das frühere Gutshaus, das heute Landstallmeisterhaus heißt, und der alte Stall, wurden später von außen klassizistisch „verkleidet“ – sind aber im Kern als Fachwerk gebaut. Das Landstallmeisterhaus wird derzeit aufwändig kernsaniert und erhält künftig eine touristische Nutzung: hier entstehen außergewöhnlich gestaltete Gästezimmer mit großartiger Aussicht für ein exklusives „Bed & Breakfast“- Angebot. Auch Gastronomie ist fest eingeplant – ein geeigneter Pächter, dessen Konzept zum Areal und zum in Redefin anwesenden Publikum passt, wird derzeit gesucht. Hinter diesen beiden parallel stehenden Gebäuden befinden sich das Inspektorenhaus zur Linken und das Rossarzthaus zur Rechten. In Ersterem sitzt auch heute die Gestüts-Verwaltung in Letzterem befindet sich eine durchaus beachtliche Sammlung tierkörperlicher Original-Präparate vom Pferd. Und weiter geht es – immer streng in symmetrischer Ausrichtung. Es folgen kleinere und große Stallgebäude und in der Mitte, beinahe wie auf einem Thron hinter dem alten Paradeplatz: die große Reithalle, deren klassizistisches Portal geradezu übermächtig erscheint. Diese Teile der Anlage, wie auch die Schmiede, weitere Stallungen etc. stammen aus der Zeit, als das Landgestüt groß wurde (1812 – 1825). Bei der großen Reithalle wurde das Portal originalgetreu erhalten – die Halle selbst ist neu und sehr modern. Weitere Anbauten, wie der neue Paradeplatz mit Tribüne sowie die Stallgebäude 5 und 6 sind aus der heutigen Zeit.

Und damit ist man sehr schnell bei der Moderne in Redefin angekommen. Zu ihr gehört unter anderem auch die Tatsache, dass mit Antje Kerber eine Frau das Sagen hat im Landgestüt. Das gab es in Redefin zwar bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts: Herta Steiner war damals für fünf Jahre Betriebleiterin. In der Funktion als Geschäftsführerin des landeseigenen Betriebs ist Antje Kerber aber die erste Frau in Redefin. Und als sie im Jahr 2009 dazu bestellt wurde, gab es neben Redefin gerade mal zwei weitere Landgestüte in Deutschland, die unter der Führung einer Frau standen. Heute werden übrigens mehr Landgestüte von Frauen als von Männern geleitet. Zu den Verantwortlichkeiten der Geschäftsführerin zählen unter anderem die 140 Pferde, über 30 Mitarbeiter sowie die Entwicklung und der ordnungsgemäße Zustand des gesamten Areals inklusive der vielen Gebäude. Das ist nicht gerade wenig. Vor allem hier in Redefin. Entdeckt hat Antje Kerber Redefin übrigens nicht erst im Jahr 2009. Aber der Reihe nach … Schon im Alter von 8 Jahren trug Antje Kerber den Wunsch auf ein eigenes Pony an ihre Eltern heran. Dies war kein leichtes Unterfangen, denn eigentlich gab es dafür damals keinen Platz. Daher blieb zunächst auch der Erfolg aus. Und vielleicht hätten die meisten kleinen Mädchen es gar nicht weiter versucht. Antje Kerber aber löcherte weiterhin beide Eltern in regelmäßigen – immer kürzer werdenden – Abständen.  Irgendwann, erinnert sie sich, erwähnte ihr Vater die Möglichkeit, dass sie zum 10. Geburtstag dann wohl vielleicht ein Pony oder Pferd würde bekommen können. Vage formuliert. Reichlich vage. Aber ausreichend konkret für ein Kind mit einem
riesengroßen Wunsch. Der 10. Geburtstag kam. Und in der Tat – das Geschenk war ein eigenes Pony. „Ich habe meinen Vater andauernd darauf hingewiesen, dass er mir irgendwann ja quasi versprochen hatte, dass es ein Pferd für mich zu meinem 10. Geburtstag geben wird. Da kam er nicht mehr aus der Sache raus. Und schließlich gab er seinen Widerstand ganz auf“, Antje Kerber lächelt verschmitzt, während sie sich an diese Begebenheit erinnert.

»Es geht darum, dass wir uns und vor allem allen anderen, nicht nur den ausgewiesenen Züchtern, Pferdefreunden und Reitsportbegeisterten immer wieder aufs Neue vor Augen führen, dass Pferde ein fester Bestandteil unserer Kultur sind«

Sie sei wohl schon damals sehr zielstrebig gewesen. Eine Eigenschaft, die man ihr anhand dieser Anekdote sofort abnimmt und ohne die sie wohl auch später nie in Redefin gelandet wäre. Die Tatsache, dass sie sich einfach initiativ beworben hat, ohne dass zu jener Zeit eine konkrete Stellenausschreibung vorlag, zeigt, wie fokussiert Antje Kerber an Herausforderungen und Chancen, die sie wittert, heranzugehen weiß. „Als ich mich bewarb, war die Stelle nicht im Stellenpool des Landes. Ich bat aber darum, meine Bewerbung zurückzulegen und aufzubewahren, für den Fall, dass sich in Redefin etwas tut“, Antje Kerber macht eine kurze Pause beim Erzählen. Dann setzt sie lächelnd fort: „Ich hatte schon damals ein richtig gutes Gefühl. Als dann die Stelle ausgeschrieben wurde, hat man mich entsprechend berücksichtigt. Und so bin ich hier.“

Doch zunächst gehen wir noch einmal ein paar Schritte zurück – mitten rein in die mittlerweile ziemlich reitintensive Kindheit und Jugend südlich der Elbe. Antje Kerber entdeckt, dass sie über ausreichend Talent verfügt, um auch im Reitsport auf sich aufmerksam zu machen. Die Pubertätsjahre, die nur so verfliegen, bezeichnet sie als eine wichtige Schlüsselphase: „Hier verlieren viele die Lust am Pferd. Vor allem die doch recht zeitaufwändige Hege und Pflege, die ein Pferd braucht, das Stallausmisten … Es gibt wirklich zahlreiche Gründe, warum Teenager plötzlich das Interesse verlieren. Bei mir war es andersherum – ich begann, mich mehr und mehr zu engagieren und auch zu interessieren“, sagt sie. Als eigentlich logische Konsequenz absolviert sie im Anschluss an ihr Abitur das Studium der Agrarökonomie in Kiel. Dann zieht es die frische Diplomantin weiter dorthin, wo sowohl Pferdezucht als auch Pferdesport eine große Tradition haben: zunächst geht sie zum Ausbildungszentrum nach Luhmühlen und wird später Betriebsleiterin der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster. Es sind für sie zunächst Lehrjahre in Luhmühlen. Wie bereits im Studium bietet sich die Chance, neben wertvollen Erfahrungen auch hervorragende Kontakte zu knüpfen – etwas, wovon Antje Kerber und damit auch das Landgestüt bis heute hin profitieren, da man sich in den Leitungsebenen der Landgestüte über Jahre kennt und gegenseitig sehr wertschätzt: „Wir stehen alle im Wesentlichen vor den gleichen Herausforderungen. Heute haben Pferde eine andere Bedeutung als noch zu jenen Zeiten, in denen Redefin erschaffen worden ist.

Damals waren Pferde wichtig für die Landwirtschaft, das Militär und das Transportwesen. Jetzt und auch in Zukunft sind Pferde von diesen Aufgaben und Lasten befreit. Die Zucht passt sich diesen Veränderungen stets an. Auch die Haltungsbedingungen haben sich entsprechend verändert. Und so sind wir heute vielmehr eine Art 360-Grad-Kompetenzzentrum für alle wesentlichen Fragestellungen rund um Pferdezucht und -haltung. Da ist es gut, wenn wir innerhalb des kleinen Kollegenkreises einen fruchtbaren Austausch betreiben.“ Der Austausch und die Zusammenarbeit gehen sogar soweit, dass die Deutschen Landgestüte gemeinsam unter einem Markendach auftreten. Der Geist, in dem man in erster Linie die Konkurrenz gepflegt hat, sind längst passé. Antje Kerber: „Es geht darum, dass wir uns und vor allem allen anderen, nicht nur den ausgewiesenen Züchtern, Pferdefreunden und Reitsportbegeisterten immer wieder aufs Neue vor Augen führen, dass Pferde ein fester Bestandteil unserer Kultur sind. Wir hier in Redefin sind da ein wichtiges Rad am Wagen – aber eben auch nur das. Ohne ein starkes deutsches und auch europäisches Netzwerk, würde es uns allen deutlich schwerer fallen, möglichst viele Menschen für unsere Anliegen zu begeistern.“ Und dazu gehört ihrer Meinung nach auch, dass man sich in Redefin nach außen hin öffnet. Man dürfe nicht vergessen, sagt sie, dass das Landgestüt schließlich allen Menschen
in Mecklenburg-Vorpommern gehöre. Da sei es doch nur gerade rechtens, jedem den Zutritt zu ermöglichen. Auch abseits der publikumswirksamen Großveranstaltungen. Wenn die legendären Hengstparaden stattfinden, dann kommen Jahr für Jahr bis zu 12.000 Zuschauer nach Redefin. Und selbstverständlich ist dann auch die Landesprominenz aus Politik und Wirtschaft zugegen. „Es ist aber für eine sichere Zukunft unseres Gestüts wichtig, dass man uns auch im Blickfeld hat, wenn nicht gerade ein Top-Event läuft“, sagt Antje Kerber nachdenklich.

Daher muss jedoch nach Kerbers fester Überzeugung stets der Fokus darauf gelegt werden, das Landgestüt mit einem größtmöglichen Nutzen für Züchter, Halter, Sportler und die allgemeine Öffentlichkeit auszustatten. Frei nach dem Motto: Wer rastet, der rostet. Und „Rost“ – also ausbesserungsbedürftige Stellen gab und gibt es in Redefin immer wieder. Kein Wunder, schließlich stehen die allermeisten Gebäude unter Denkmalschutz. Ganz gleich, wo Antje Kerber gerade den Blick hin schweifen lässt – wenn sie etwas sieht, das irgendwo nicht hingehört, dann legt sie selbst Hand an. Dabei kann es sich um ein wenig Stroh auf dem Parkplatz für Einstellpferde handeln, oder aber um einen durch das Gras im Park fliegenden Fetzen Absperrband von der Baustelle des Landstallmeisterhauses. Für Antje Kerber gibt es in Redefin immer etwas zu tun.

Neben der Verantwortung für die Zuchttiere, die vielen Gebäude und die Organisation der vielen tagtäglichen Aufgaben im Landgestüt Redefin, ist Antje Kerber aber auch für die zahlreichen Mitarbeiter zuständig. Sie ist die Person, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Welche dieser Aufgaben ihr am meisten Freude mache? Sie zuckt die Schultern und überlegt kurz: „Ich denke schon, dass es die Pferde sind, für die ich mich am meisten begeistern kann. Wobei die Pferde für mich immer in einem direkten Zusammenhang zu den hier tätigen Menschen stehen und zu den Menschen, die selbst Züchter sind und die daher sehr stark auf uns setzen. Also Mensch und Tier im Einklang miteinander.“

© Bilder: Langestüt Redefin


STECKBRIEF
  • Gegründet 1812

  • Haltung von Landbeschälern und EU-Station

  • Leistungsprüfanstalt

  • Landesreit- und Fahrschule

  • Events: Redefiner Hengstparaden & Redefiner Pferdefestival

  • Messe „Lebensart“

  • Ort der Festspiele „Mecklenburg- Vorpommern“


Landgestüt Redefin | Betriebsgelände 1 · 19230 Redefin

Tel: +49 38854 / 6200 | E-Mail: info@landgestuet-redefin.de | www.landgestuet-redefin.de

07.04.2018